Rezension: Pirapong Patumraat: Fundamental Makruk Ouk Chaktrang

Von Jürgen Woscidlo und Fabian Krahe

Thailand, das für sein vielfältige Küche, die abwechslungsreiche Natur und die kulturellen Schönheiten berühmt ist, hat auch schachlich – zusammen mit dem benachbarten Kambodscha – einen großen Schatz zu bieten: Makruk und Ouk Chaktrang!

Beide Schachvarianten sind sehr eng verwandt, daher weisen sie historisch, aber auch gegenwärtig noch viele Gemeinsamkeiten auf. Makruk wird in Thailand und Ouk Chaktrang in Kambodscha gespielt. Dass der Autor Pirapong Patumraat beide Varianten deshalb in einem Buch behandelt, ist sinnvoll. Patumraat verweilt allerdings nicht allein in den beiden Stammländern dieser Schavarianten, sondern spannt einen schachlichen Bogen über den halben Globus, indem er immer wieder Verbindungen zu anderen Schavarianten wie Shôgi oder FIDE-Schach und zu Größen unserer europäischen Schachvariante wie Capablanca, Lasker oder Kramnik herstellt. Auf einigen Seiten geht er zusammen mit dem bekannten Hamburger Schachjournalisten René Gralla auf die internationale Bedeutung des Makruk ein, wobei ein Abschnitt sogar tatsächlich dem Makruk in Deutschland gewidmet ist. Kaum verwunderlich, sind doch die beiden Hamburger Jürgen Woscidlo und René Gralla dem Autor, der Germanistik in Deutschland studiert hat und sich selbst den Vornamen Ludwig gab, seit langer Zeit freundschaftlich verbunden und setzen sich intensiv für die Förderung internationaler Schachvarianten – wie eben dem Makruk – in Deutschland ein. Seit 2011 gibt es an der Grundschule Grumbrechtstraße in Hamburg-Heimfeld eine Schach-AG in der auch Makruk unterrichtet wird.

Der erste Teil des Buches bietet einen historischen Überblick über die Entwicklung des Khmer Reiches von Angkor (802 bis 1431) und Thailands bzw. dessen Vorgängerreiche von Sukhothai und Ayutthaya. Damals war Südostasien wie Europa eine unruhige Region mit häufigen Kriegen. Den Status einer unruhigen Region hat es bis heute kaum ablegen können, bedrohen doch die Hegemoniebestrebungen der Volksrepublik China den brüchigen Frieden in der Region. Zurzeit des Reiches von Angkor war China schon einmal die unbestrittene Hegemonialmacht Ost- und Südostasiens. Damals übte China großen kulturellen Einfluss auf die Region aus und war mit Botschaftern vor Ort präsent. Die Herrscher von Angkor haben leider keine großen Bibliotheken hinterlassen. Sehr wohl aber Reliefs an Gebäudewänden und Tempelstelen mit Inschriften in Sanskrit. Auf einem dieser Reliefs ist auch ein Spiel dargestellt, dass eine Partie Ouk Chaktrang darstellen könnte. Ob das tatsächlich die älteste Darstellung der Khmervariante des Schachs ist, ist umstritten.

Historische Ansicht von Ayutthaya, welche im Auftrag der Niederländischen Ostindien-Kompanie erstellt und um 1660 in Vingboons Atlas veröffentlicht wurde. Es ist heute im so genannten Bushuis in Amsterdam zu sehen.

Im nächsten Abschnitt erklärt Patumraat die Regeln von Makruk und Ouk Chaktrang auf verständliche Weise, aber auch eindeutig an Menschen gerichtet, die bereits Erfahrung im FIDE-Schach haben. Da das gesamte Buch vollfarbig ist, sind auch die Makrukdiagramme zur Regelerklärung vollfarbig. Zur Darstellung der Figuren in den Diagrammen benutzt der Autor jedoch keine stilisierten Symbole, sondern Fotos von echten Figuren. Das mag vielleicht nicht jedermanns Geschmack sein, aber die grafische Aufbereitung ist tadellos und auch die Bebilderung des Buches sticht hervor. Obgleich der nächste Teil des Buches mit „Strategies and Tactics“ betitelt ist, widmet sich der Autor hier praktisch nur der Eröffnungstheorie, welches für die meisten Spieler aber ohnehin die theoretisch interessanteste Phase des Spiels sein dürfte. Viele taktische Manöver im Mittelspiel sollten für einen geübten Schachspieler, an den sich dieses Buch hauptsächlich richtet, ohnehin sofort Einsichtig sein. Abgerundet wird das Buch durch einige Mattaufgaben und einen Glossar, der allerdings etwas mehr Aufmerksamkeit in der Darstellung verdient hätte.

Pirapong Patumraat 2006. Foto: René Gralla.

Abschließend lässt sich sagen, dass Pirapong Patumraat, der drei Dekaden lang einer der stärksten Makruk Spieler war, dem Leser auf 147 Seiten einen guten grundlegenden Einblick in die beiden faszinierenden südostasiatischen Mitglieder der Schachfamilie bietet. Auch zeigt er, dass beide Spiele wahrlich keine Museumsschätze sind. Nicht nur in ihren Heimatländern sind sie äußerst lebendig, sondern haben auch weltweit ihre Liebhaber gefunden. Zusätzlich gibt der Autor Tipps, mit welchen Computerprogrammen bzw. wo beide Spiele online gespielt werden können. In Zeiten der Corona-Pandemie nicht unwichtig.

Für alle, die nun Lust auf diese beiden Schachvarianten Südostasiens bekommen haben, hier noch zwei Videos unserer Hamburger Makrukenthusiasten Jürgen Woscidlo und René Gralla:

Pirapong Patumraat: Fundamental Makruk Ouk Chaktrang. Naimuang, Thailand: Pasit Publishing House. 148 Seiten. 28,13 Euro.

Bestellungen sind via E-Mail möglich:
vanpatumraatludwig@me.com
Zahlungsweg: Western Union Online: Pirapong Patrumraat, Bank Saving Account 059134991, Krinthai Bank (Überweisungsgebühren: ca. 4,00 Euro) + Luftfrachtkosten 10,80 Euro.

Amano Sôho 天野宗歩 – Der stärkste Shôgispieler der Edo-Zeit

Amano Sôho 天野宗歩 (1816-13.05.1859) gehörte zu den stärksten Spielern der Edo-Zeit, und zu seinen Lebzeiten war er wahrscheinlich der stärkste Spieler Japans. Da er nicht einer der drei Familien angehörte, in denen der Titel des Meijin weitergegeben wurde, erhielt er diesen Titel nicht. Der höchste Grad, den er erreichte, war der 7. Dan, doch wurde er ob seiner Spielstärke als „fähig wie ein 13-Dan“ 実力十三段 bezeichnet. Später wurde er auch Kisei 棋聖 (dt. etwa „Shôgiheiliger) genannt, weshalb der Titel des Kisei-Titelkampfes auf ihn zurück geht. Hirahata Zensuke 平畑善介 (1908-1972), der von Hanamura Motoji 花村元司 (1917-1985) einmal als „stärkster Amateurspieler der Geschichte“ 「史上最強のアマ名人」 bezeichnet wurde, sagte über Amano Sôho, man müsse nur dessen Partien studieren, um gut im Shôgi zu werden.

In einem alten Dokument der Ôhashi-Familie heißt es, Amano stamme aus der Provinz Musashi. Nach anderen Quellen wurde er im November 1816 in Edo als zweiter Sohn von Obata Kabei geboren, und erst später von der Familie Amano adoptiert. In seiner Kindheit trug er den Namen Tomujiro.

Bereits im Alter von fünf Jahren, im August 1820, wurde er der Schüler von Ôhashi Soekin 大橋宗金 (1804-1874), dem späteren Ôhashi Sokei XI. Aus dem Jahr 1821 ist uns sein ältestes Kifu erhalten. Eine Partie, die er gegen seinen Lehrer Ôhashi spielte. 1825 wurde er Shodan und vier Jahre später stieg er zum 2. Dan auf. Im März 1834 erhielt er schließlich die Beförderung zum 5-Dan. In diesem Jahr ging er in die Region Kamigata. Dort spielte er am 5. Juni gegen Ôhashi Ryûsetsu 大橋柳雪 (1795-1839) eine bekannte Partie mit einer Lanze Handicap. Im September 1834 kehrte er bereits wieder nach Edo zurück, nur um im März des darauffolgenden Jahres wieder nach Kamigata zu gehen und dort für die nächsten Jahre zu leben. Auf dem Weg nach Kamigata spielte er in Nimazu vier Partien ohne Handicap gegen Yonemura Hyôe 米村利兵衛.

1842 kehrte Amano zurück nach Edo und ging im folgenden Jahr von dort in die Kaiserstadt Kyôtô, um dort verheiratet zu werden. Seine Frau verstarb bereits sechs Jahre später. 1850 errichtete er den Grabstein seiner Frau neben dem Grabstein des Ôhashi Sôkei I. 初代大橋宗桂 im Reiko-ji 霊光寺 in Kyôtô. Der Grabstein hatte die Form eines Shôgisteins. Auf ihm waren die Schriftzeichen 「歩兵」 eingraviert und die Namen von 49 Schülern von Amano Sôhô.

Moriuchi Toshiyuki 森内俊之 (*1970) und Habu Yoshiharu 羽生善治 (*1970) besuchten am 30. Mai 2012 zu Ehren des 400. Jahrestags des Meijintitels die beiden Grabsteine im Reiko-ji 霊光寺 in Kyôtô.

Im Juni 1845 ging er wieder nach Edo und änderte seinen Namen in Tomijiro. Am 26. September wurde zu ehren seiner Beförderung zum 6-Dan eine Zeremonie an der Seite von Koshuya Sakichi 甲州屋佐 abgehalten. Dort spielte er auch gegen Itô Inju, den späteren Itô Sôin VIII. 八代伊藤宗印 (07.1826-06.01.1893) und 11. Meijin mit einem Lanzen-Handicap.

Im September 1846 wurde er zum 7-Dan befördert und ging im November mit seinem Schüler Ichikawa Tarômatsu 市川太郎松 nach Kyôtô. Ichikawa war Amanos erster Schüler und erlange im 20. Jhdt. größere Bekanntheit durch Kurashima Takejirôs 倉島竹二郎 (1902-1986) Buch Shôgi Taiheiki 将棋太平記, in dem er der Protagonist ist. Für seine Beförderung hielt Amano am 2. Mai 1847 in Ôsaka ein Treffen ab.

In seinen späteren Jahren war Sôho zwar stark im Shôgi, jedoch legte er eine schlechtes Verhalten an den Tag. Es heißt, dass er zuviel trank und Shôgi um Geld spielte. Im Mai 1852 durfte er eine eigene Familie gründen. Er rasierte sich eine Tonsur und nahm den Namen Sôho an. Mit der Empfehlung der drei Shôgi-Familien, darunter Ôhashi Sôkei XI. 十一代大橋宗桂 (1804-1874), gründeten er und Wada Intetsu 和田印哲, einem Schüler der Familie Itô, eine Familiennebenlinie. So durften sie erstmals an dem jährlichen Shôgi-Spiel in der Burg von Edo 御城将棋 teilnehmen. (Im Falle von Go durfte jeder im Rang eines 7-Dan oder höher ohne Bedingungen am jährlichen Go-Spiel vor dem Shôgun in Edo 御城碁 teilnehmen. Das war im Shôgi nicht erlaubt.)

Burg Edo, fotografiert von Beato Felice, etwa 1870-1879.

Nachdem Amanos Beförderung zum 8. Dan abgebrochen wurde, arbeitet er unabhängig von den drei großen Shôgifamilien als Profispieler und bildete viele Schüler aus. Kobayashi Tôhakusai 小林東伯斎 (?-1898), Ichikawa Tarômatsu 市川太郎松 (?), Watase Sôjirô 渡瀬荘次郎 (?), Hirai Torakichi 平居寅吉 (?) waren als starke Spieler bekannt und wurden als die vier Himmelskönige des Amano Sôho 天野宗歩の四天王 bezeichnet. Kobayashi Tôhakusai 小林東伯斎 wurde später Ôsaka- bzw. Kansai-Meijin genannt. Ein Titel den auch sein Schüler Sakata Sankichi 坂田三吉 einmal annehmen sollte. Sakata und Kobayashis anderer Schüler Inoue Yoshio 井上義雄 (1865-1920) werden auch als Amanos Enkel bezeichnet. Beide spielten 1915 in einem Turnier unter der Schirmherrschaft von Graf Yanagisawa Yasutoshi 柳沢保恵伯爵 (1871-1936) um die Nachfolge von Ono Gohei XI. Meijin 小野五平 (1831-1921), der auch oft als Amanos Schüler bezeichnet wird, weil er sich von Amano ausbilden ließ, als er nach Kyôtô ging. Auch behauptete er kurz vor seinem Tod Schüler Amanos gewesen zu sein, doch dies wird von einigen wegen anderslautender Aufzeichnungen in Zweifel gezogen. Sie gehen davon aus, das Ono lediglich ein Schüler von Ôhashi Sôkei XI. war.

Ono Gohei XI. Meijin 小野五平 (1831-1921)

1853 veröffentlichte Amano Sôho das Jôseki-Buch „Shôgi Seisen“ 将棋精選 (dt. etwa „Shôgiauslese“). Neben diesem Buch veröffentlichte er auch das Buch Shôgi Kuden 将棋口伝 (dt. etwa „mündliche Unterweisung im Shôgi“), von dem jedoch das Veröffentlichungsdatum unbekannt ist. 1877 erschien posthum mit Shôgi Tekagami 将棋手鑑 (dt. etwa „Shôgibeispiele“) eine Partiensammlung.

1854 begab er sich auf eine Reise durch Ôshû, die heutigen Präfekturen Aomori und Iwate im Norden der japanischen Hauptinsel Honshû und im folgenden Jahr durch Echigo, die heutige Präfektur Niigata nördlich Tôkyô.

1856 nahm er ein letztes mal am Shôgi-Spiel in der Burg von Edo teil. Es war auch das letzte Spiel vor dem Shôgun Muneyoshi. Sôho gilt als ein Meister im Einsatz des Läufers. Seinen berühmtesten Läuferzug spielte er in dieser Edo-Burg-Partie am 17. November gegen Itô Sôin VIII. 八代伊藤宗印 (1826-1893) mit 33 ☗1八角打. Es gibt viele gute Züge von ihm, in denen er den Läufer zum Einsatz brachte, aber dieser Zug gilt als sein bester und ist auch als solcher in die Shôgigeschichte eingegangen. Auch Senzaki Manabu 先崎学 (*1970), einer der Habusedai 羽生世代, stellte dessen meisterhaften Umgang mit der Lanze heraus. Seine Fähigkeit Sabaki zu erreichen, sei vergleichbar mit der von Kubo Toshiaki 久保利明 (*1975).

Zug 33: ☗1八角打 まで
Amano Sôho 天野宗歩 (1816-13.05.1859) gegen Itô Sôin VIII. 八代伊藤宗印 (1826-1893) am 17. November 1856 in der Burg Edo.

Im Frühling des folgenden Jahres ging er abermals nach Echigo und verbrachte die Zeit bis Anfang 1858 dort. Am 28. März 1859 spielte er seine letzte große Partie gegen seinen Schüler Ichikawa Tarômatsu 市川太郎松, welche mit nur 26 Zügen unbeendet blieb, bevor er am 13. Mai 1859 im Alter von nur 44 Jahren verstarb. Offiziel verstarb er durch Krankheit, aber es wird vermutet, dass die Todesursache tatsächlich eine andere gewesen sein könnte. Sein Grab findet sich im Honmyoji in Sugamo, Tôkyô.

Sôho ist bekannt für sein schnelles Spiel. In der Edo-Zeit wurde Shôgi viel langsamer gespielt als heutzutage. Der Wechsel im Spielstil ist vergleichbar mit dem Wechsel vom romantischen Schach zum modernen FIDE-Schach in Europa. Gerade wegen seiner Schnelligkeit, seiner Intuition, die ihn jeder Öffnung nutzen ließ, und er seine Burgen in einer ähnlichen Art wie das in den 1990er Jahren entwickelte Nakahara-Gakoi 中原囲い baute, gilt er heute vielen als der stärkste Shôgispieler der Geschichte.

Nakahara-Gakoi 中原囲い

Als Habu Yoshiharu 羽生善治 (*1970) gefragt wurde, welches seiner Meinnung nach der stärkste Shôgispieler der Geschichte sei, nannte er Masuda Kôzô 升田幸三 (1918-1991) und Amano Sôho. „Wenn man ihn sich heute ansieht, spielt er mit großartiger Geschwindigkeit Shôgi. Seine Gegner spielten langsam, daher kann man den Unterschied in seiner überwältigenden Geschwindigkeit sehen. Würde er heute spielen, so würde er ein erstaunliches Resultat erzielen.“ 「今の目で見たらすごいスピード感溢れる将棋を指している。相手がのんびり指しているのでその圧倒的なスピードの違いがよく分かる。現代に現れてもすごい結果を残したのではないだろうか」

Ein Shôgiturnier unter Coronabedingungen: Erstes Shôgi-Gartenturnier in Bremen

Von Fabian Krahe und René Gralla

Der Coronavirus hat unser Leben dieses Jahr ganz schön durcheinander gebracht. Auch der Schachsport hatte darunter zu leiden. Viele Turniere mussten abgesagt werden. Viele Aktivitäten haben sich ins Internet verlagert. Beim Shôgi, der japanischen Variante des königlichen Spiels, ist das nicht anders. Die Deutsche Meisterschaft, die eigentlich im April 2020 in Hamburg stattfinden sollte, musste abgesagt werden. Das Qualifikationsturnier für das Internationale Shôgi Forum in Japan wurde daher auch ins Internet verlegt und wurde auf der Plattform 81Dojo ausgespielt. Regelmäßige Spieletreffs mussten ebenfalls gecancelt werden.

Mit einem Einladungsturnier im kleinen Kreis und im heimischen Garten der Familie wollte der gebürtige Bremer Fabian Krahe am 29. August 2020 daher ein bisschen Normalität in die norddeutsche Shôgiszene zurückbringen. So machten neben dem Organisator an diesem spätsommerlichen Sonnabend sieben Shôgienthusiasten einen Ausflug an die Lesum. Sechs kamen aus Hamburg und Norderstedt, und einer reiste aus Wolfsburg an. Um das Infektionsrisiko möglichst niedrig zu halten, fand das Turnier komplett im Garten statt. Vor Regen schützten ein mobiler Carport und ein großer Regenschirm, doch alle Befürchtungen ob des Wetters stellten sich als obsolet heraus. Die Shôgigötter waren uns wohl gesonnen, und bei strahlendem Sonnenschein, gegen den versprengte Wanderwolken keine Chance hatten, wurden fleißig Steine geschoben über die Bretter, die die Welt bedeuten.

Das alles war nur möglich dank der großartigen Unterstützung von Uwe und Birgit Krahe, den Eltern des Organisators. Sie stellten nicht nur den wundervollen Garten bereit, in dem das Turnier ausgetragen wurde, sondern bewirteten auch als hervorragende Gastgeber die ambitionierten Mattkünstler.

Die Gastgeber Birgit und Uwe Krahe, die ihren wundervollen Garten für das Turnier bereitstellten.

Das kleine, aber feine Event war gewissermaßen die direkte Folgeveranstaltung jenes Open-Air-Wettkampfes, zu dem vor gut 14 Monaten das Shôgi-begeisterte Ehepaar Ritsuko und Rolf Müller in deren idyllische Grüne Oase in Lübecks südlichem Quartier Sankt Jürgen geladen hatte. Besagtes „Ôhashi Soyo Shôgi Memorial“ in der Trave-Metropole sollte am 22. Juni 2019 daran erinnern, dass vor 150 Jahren in Japan während der Edo-Restauration der Relaunch des professionellen Denksports mit Hausturnieren in den Anwesen seinerzeit dominierender Champions begonnen hatte. Einer der Frontleute damals war der ehrwürdige Meister Ôhashi Soyo (um 1835 – 1891), und der umtriebige Sensei dürfte sich auf seiner Wolke heuer garantiert himmlisch darüber gefreut haben, dass seine epochale Initiative von einst im fernen Europa des digitalen Millenniums nach der Lübecker Premiere 2019 nun bereits die zweite Neuauflage im Bremen dieser Tage erleben würde. 

Durch die informelle und freundschaftliche Atmosphäre war es möglich, an einem einzigen Tag ein Round-Robin-Turnier mit acht Spielern durchzuziehen, das heißt, jeder spielte insgesamt sieben Partien mit 30 Minuten + 30 Sekunden Byôyômi Bedenkzeit. Eine starke Leistung aller Turnierteilnehmer. So wurde dann auch manch denkwürdige Partie ausgefochten. In der Begegnung René Gralla gegen Fabian Krahe wogte das Gefecht hin und her. Im Endspiel gelang es Fabian zunächst, René in die Ecke seines Minogakoi zu treiben, doch ein tödlicher Schlag blieb aus. Das nutzte René, um zu einer waghalsigen Mattkombination anzusetzen mit dem Plan, Fabians König aus dessen Hidariminogakoi zu treiben und auszuknocken. Fast gelang das dem René auch, doch im Eifer des Gefechts verwechselte er das Pferd mit dem Drachen und übersah den entscheidenden Zug. Diese unverhoffte Atempause wiederum reichte Fabian, das Match komplett zu drehen und nun seinerseits den René per Blitz-Matt auf die virtuelle Matte zu schicken.

Ein Partieausgang, der René zu Recht frustrierte. Schließlich hatte er sofort nach Ausführung eines albernen Dummie-Moves – der vermeintlich die Sackgasse, in die Fabians König geflüchtet war, endgültig abriegeln sollte, leider aber bei rollender Attacke das Tempo selbstmörderisch drosselte, so dass Gote dankbar ein flottes Tsume exekutieren durfte – den alternativ möglichen und zugleich alternativlosen Coup de grâce erkannt. Der wäre robust und trocken gewesen: Die schwarze Lanze 3c rückt schnöde auf 3b vor, promoviert schulmäßig und triggert im gleichen Atemzug ein krachendes Abzugsschach, und zwar im engen Gefechtsverbund mit dem schwarzen Horse, das aus dem äußersten Winkel des weißen Lagers dem zernierten Gyokusho aka „Juwelengeneral“ stante pede einen Hammer-Huftritt serviert. „Als ich das Malheur bemerkte, poppte in mir der wilde und wütende Impuls auf, blitzschnell und kackenfrech das Ding zurückzunehmen“, wie René hinterher gestand. Ein notorischer Taschenspielertrick, den der Co-Autor dieses Berichts gelernt haben will während Rauch- und Sliwowitz-geschwängerter nächtlicher Sessions im Kreis von Schachkumpels, die stolz sind auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zur Balkanregion, wo harte Bandagen oft mehr Respekt verschaffen als wohlfeile Moralpredigten. Aber das internalisierte sportliche Über-Ich rief den René doch wieder streng zur Ordnung, abgesehen davon, dass dem Trottel der Saison ein verzweifelter Griff nach der (ohnehin verbotenen) Zocker-Notbremse unter Punktspielbedingungen nichts mehr genützt und auf die maximale Peinlichkeit des vergeigten Games höchstens noch anderthalbe draufgesetzt hätte.

Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Wegen überraschender Terminprobleme am frühen Samstagmorgen schlug René erst eine gute Stunde nach Anpfiff der ersten Runde in Krahes Garten auf und musste per Aufholsprint den Anschluss an das Feld suchen. Das zerrte natürlich an den Nerven, mit dem Risiko derber Aussetzer – die René während seiner Spiele prompt auch gemein und beinahe regelmäßig aus der Bahn warfen.

Beim Kansôsen der Partie René gegen Fabian zeigte sich schnell, dass René nur die beförderte Lanze auf 3b hätte ziehen müssen, um zu gewinnen. Schade, denn es wäre tatsächlich ein ziemlich cooles 11-Zügiges Matt gewesen. Foto: Fabian Krahe.

Einen Überraschungssieg durfte Jürgen Woscidlo feiern, als Uwe Frischmuth im beiderseitigen wilden Handgemenge in eine Mattfalle stolperte. Damit ging unser Schachlehrer aus Harburg mit einem dicken Achtungspunkt nach Hause, war Uwe doch als 3 Kyu der nominell zweitstärkste Spieler des Turniers.

Martin Wolff gegn Jürgen Woscidlo. Im Hintergrund Ingo Köhler gegen Fabian Krahe. Foto: Alexandra Bumagina.

Auch Martin Wolff konnte sich einen Punkt erspielen, und zwar gegen Jürgen, sodass niemand ohne Sieg das Turnier beendete. Mit jeweils einem Punkt teilten sich beide dann allerdings auch die undankbare Rote Laterne. Schlanke zwei Zähler in der Schlussbilanz bedeuteten Rang sechs für René, der nicht nur im Treffen gegen Fabian quasi frei stehend vor dem Shôgi-Tor den Ball über die Latte semmelte, sondern auch mit einem ärgerlichen Nifu bei besserer Stellung gegen Ingo Köhler patzte. Es war definitiv nicht Renés Tag. Aber so ging immerhin der fünfte Platz an unseren Spieler aus Wolfsburg. Ingo errang drei Siege und fuhr – mit seiner Leistung zufrieden – total gechillt und lächelnd zurück in die Autostadt.

Uwe Frischmuth gegen Ingo Köhler. Ingo sicherte den fünften Platz für die Autostadt Wolfsburg. Foto: Fabian Krahe.

Den vierten Platz belegte der Gastgeber und Organisator Fabian Krahe mit insgesamt vier Punkten. Er war sichtlich zufrieden. Nicht nur mit seiner Spielleistung, sondern auch mit dem reibungslosen und erfolgreichen Ablauf des Turniers.

Der Turnierorganisator Fabian Krahe (re.) traf gleich in der ersten Partie auf Uwe Frischmuth und musst direkt eine deutliche Niederlage einstecken. Da half selbst angestrengtes Nachdenken nicht mehr. Foto: Alexandra Bumagina.

Ein großer Dank geht an dieser Stelle aber auch ausdrücklich an die selbstlos engagierte Alexandra Bumagina. Die Mutter unseres 15-jährigen Supertalents Anton Borysov schoss stimmungsvolle Fotos und bereicherte den Tag durch ihre freundliche und offene Art.

Uwe Frischmuth und das Nachwuchstalent Anton Borysov holten jeweils fünf Punkte und teilten sich den zweiten respektive dritten Rang. Da aber Anton im direkten Vergleich gegen Uwe eine Niederlage einkassierte, setzte der Organisator in der Endauswertung Uwe auf Platz zwei und Holsteins Rising Star Anton auf Platz drei. Eine Entscheidung bloß für die Stringenz der Tabelle, weil ansonsten beide eine derart herausragende Leistung bewiesen haben, dass sie eigentlich Silber im Doppelpack verdient hätten.

Anton Brysov im Spiel gegen den Turniersieger Yuki Nagahori. Foto: Alexandra Bumagina.

Beim bislang letzten Hamburger Kyu-Cup 2019 musste Yuki Nagahori, der in Chiba nahe Tokio aufgewachsen ist, noch einen Punkt an Anton abgeben. Diesmal blieb der 31-jährige jedoch ungeschlagen und durfte als souveräner Sieger den Pokal mit nach Hause nehmen. Damit kam der Gewinner des historisch ersten Shôgiturniers auf Bremer Boden aus der ewigen Konkurrenzstadt an der Elbe. Aber darüber konnten sich auch die Bremer Gastgeber freuen. Denn Yuki hat hervorragend gespielt und noch wichtiger: mit viel Spaß und Freude. Und genau das ist es, was Shôgi ausmacht.

Es bleibt zu wünschen, dass das erste Bremer Shôgi-Gartenturnier sich bald wiederholen möge. Aber vielleicht kann ja – selbstverständlich unter gewissenhafter Beachtung aller behördlichen Auflagen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie – in diesem Jahr trotzdem wieder in Hamburg das Kyu-Cup-Open ausgetragen werden. Insider munkeln, dass schon intensiv über einen entsprechenden Termin im Oktober 2020 nachgedacht wird. Dem Shôgisport und seinen Fans wäre das von Herzen zu wünschen.

Shôgi-Gartenturnier Bremen 2020; Bremen, Germany, 2020-08-29

NrNameNatGradeELO1234567Pts+/-
1NagahoriYukiJP2 Kyu1720 5+3+7+8+4+6+2+7+15
2FrischmuthUweDE3 Kyu1340 4+7+6+3+8-5+1-5+28
3BorysovAntonUA5 Kyu1356 8+1-5+2-6+4+7+5+40
4KraheFabianDE5 Kyu1294 2-6+8+7+1-3-5+4+31
5KöhlerIngoDE5 Kyu1285 1-8+3-6+7+2-4-3+6
6GrallaRenéDE5 Kyu1297 7+4-2-5-3-1-8+2-19
7WolffMartinDE8 Kyu1022 6-2-1-4-5-8+3-1+21
8WoscidloJürgenDE10 Kyu1005 3-5-4-1-2+7-6-1+68

Promoting Borysov Anton to 4 Kyu
Promoting Woscidlo Jürgen to 8 Kyu

Kimura Yoshio 木村義雄 – Begründer der modernen Shôgiwelt

Von Fabian Krahe

Kimura Yoshio 木村義雄 (21.02.1905-17.11.1986) wurde 1920 im Alter von 14 Jahren professioneller Shôgispieler als die Shôgiwelt sich anschickte, sich für immer zu wandeln und die Form anzunehmen, in der sie uns heute begegnet. Auf dem Höhepunkt seiner spielerischen Fähigkeiten in den 30er und 40er Jahren war er der beste Shôgispieler seiner Zeit. Als erster erlangte den Meijintitel in einem Turnier und wurde der erste Meijin auf Lebenszeit ohne den Titel ererbt zu haben. Als Präsident des Shôgi Taiseikai 将棋大成会und des Nihon Shôgi Renmei 日本将棋連盟 begründete er die Shôgiwelt, wie wir sie heute kennen.

Kimura Yoshio 木村 義雄 (21.02.1905-17.11.1986) am 27. Januar 1921.

Kimuro war der Sohn eines gut situierten Handwerkers aus Tôkyô. Bereits von klein auf zeigte er ein Talent für Go und Shôgi und konnte es auch mit erfahreneren Spielern aufnehmen. Obgleich sein Vater sich für ihn eine Karriere als Rechtsanwalt oder Diplomat wünschte, erlaubte er ihm auf anraten eines Bekannten den Besuch eines Go-Dojos. Als er das Dojo besuchte, beleidigte er den Hausherren, weil er nicht mehr als zwei Bissen von dessen Gerstenreis essen konnte. Von seiner Familie her war er nämlich weißen Reis gewohnt, den sein Vater für seine Arbeit als Klebstoff benutzte. Sein Vater ärgerte sich so über die Unhöflichkeit seines Sohnes, dass er ihm verbat, am nächsten Tag wieder das Dojo aufzusuchen.

Ein Glück für die Shôgiwelt, denn fortan arbeitete Kimura daran, im Shôgi besser zu werden. 1917 stellte sein Lehrer Sekine Kinjirô 関根金次郎 (1868-1946) Graf Yanagisawa Yasutoshi 柳沢保恵 (1871-1936) den begabten Kimura vor. Yanagisawa war nicht nur Statistiker (er studierte sechs Jahre lang in Deutschland, Österreich und Belgien), Politiker und Geschäftsmann sondern auch ein begeisterter Shôgispieler. Mit seinem Einfluss und seinem Geld unterstützte er zahlreiche aufstrebende Shôgitalente, wie eben Kimura, oder auch Sakata Sankichi 坂田三吉. Wegen seines Engagements wurde er auch „Fürst des Shôgi“ 将棋の殿様 genannt.

Graf Yanagisawa Yasutoshi 柳沢保恵伯爵 (1871-1936), ca. 1931

Im Haus Yanagisawas lernte Kimura unter anderem bei Sakata Sankichi und Ono Gohei 12. Lifetime Meijin. Als Shodan nahm er auch an ersten Turnieren teil. Bereits 1918 verließ er das Haus Yanagisawas wieder, um zu seinen Eltern zurückzukehren. Er begann zu arbeiten und studierte nebenher weiterhin Shôgi, so dass er noch im selben Jahre den zweiten Dan erlangte, 1919 den dritten und 1920, mit 14 Jahren als 4-Dan Profispieler wurde. Im selben Jahr konnte er sich in einem von der Kokuminshinbun 國民新聞 ausgerichteten Wettkampf gegen Kaneko Kingorô 金子金五郎 (1902-1990), ein Schüler Doi Ichitarôs und Iizuka Kan’ichirô 飯塚勘一郎 (1895-1966), ein Schüler Ôsaki Kumaos 大崎熊雄 (1884-1939).

1921 starb Ono Gohei und Kimuras Lehrer Sekine erbte diesen Titel, während Kimura zum 5-Dan aufstieg. Drei Jahre später erfolgte Kimuras Beförderung zum 6-Dan. In diesem Jahr wurde er auch Auftragsautor für die Hôchishinbun 報知新聞, für die er bis 1942 regelmäßig über Shôgi berichtete. In diesem Jahr kam es auch zur Gründung des Tôkyô Shôgi Renmei 東京将棋連盟, die zu einer Spaltung der Shôgiwelt zwischen Kantô und Kansai führte.

Ein Jahr später gelang ihm nicht nur die Beförderung zum 7-Dan, sondern er qualifizierte sich nach den neuen Regeln des Tôkyô Shôgi Renmei auch zur Beförderung zum 8-Dan, welche er jedoch ablehnte. 1925 wurde auch erstmals ein Spiel von ihm mit Hanada Chôtarô 花田長太郎 (1897-1948) im Radio übertragen. Im März des folgenden Jahres qualifizierte er sich erneut zum 8-Dan und nahm die Beförderung endlich an.

Die Beförderung zum 8-Dan mit 22 Jahren war damals eine beispiellose Leistung. Darüber hinaus gelang es Kimura auch noch sämtliche andere 8-Dan Spieler im selben Jahr nach dem damaligen traditionellen Handicap-System 手合い zu schlagen. Kimura hat sich nach eigener Aussage sehr darüber geärgert, dass dieses System kurz darauf abgeschafft wurde.

1931 gewann er in einem Wettkampf aus fünf Spielen vier Partien gegen Doi Ichitarô. Zwei Jahre später konnte einen Wettkampf aus zehn Spielen mit vier gewonnenen Partien in Folge gegen Kaneko Kingorô für sich entscheiden. Der letzte traditionelle Meijin Sekine Kinjirô trat 1935 von seinem Titel zurück und fortan sollte in einem Turniersystem um den Titel des Meijin gespielt werden.

Meijinrücktrittszeremonie 将棋名人退就位式 im Februar 1938. L.n.r Sekine Kinjirô 関根金次郎 , Kimura Yoshio木村義雄 und Kosuge Kenosuke 小菅剣之助.

Das Turnier verzögerte sich jedoch durch einen Streit um die Beförderung von Kanda Tatsunosuke 神田辰之助 (1893-1943), bekannt als Kanda-Vorfall 神田事件, der zu einer erneuten, allerdings nur kurzfristigen Spaltung der Shôgiwelt zwischen Kansai und Kantô führte.

Kanda Tatsunosuke 神田辰之助 (1893-1943), ca. 1939

Die Spaltung nach dem Kanda-Vorfall konnte 1937 mit der Gründung des Shôgi Taiseikai 将棋大成会 überwunden werden. Kanda wurde zum 8-Dan befördert und übernahm die Leitung des Kansaier Zweigs der neuen Shôgiorganisation. Nur Sakata Sankichi aus Kansai verzichtete zunächst auf einen Beitritt zu der neuen Organisation. Erst nach längerer Überzeugungsarbeit konnte dieser Umstand überwunden werden. Zu Ehren der Rückkehr des Volkshelden aus Sakai, organisierte die Yomiuri Shinbun zwei Spiele Sakatas gegen die zwei damals stärksten 8-Dan Spieler Kimura Yoshio und Hanada Chôtarô, die als Entscheidungsspiel im Nanzenji und Entscheidungsspiel im Tenriuji in die Shôgigeschichte eingehen sollten. Kimura konnte Sakata in dem 30-Stunden Spiel klar besiegen.

Im selben Jahr wurde zum allerersten Mal in der Geschichte des Shôgi ein Turnier um den Titel des Meijin gespielt. Kimura konnte dieses Turnier mit 13 Siegen zu zwei Niederlagen gewinnen. Die Bilanz wurde etwas getrübt, das Hanada Chôtarô, den er nach einem Sennichite besiegt hatte, die gleiche Bilanz an Siegen und Niederlagen vorweisen konnte. Zum Gedenken an die Tsumesammlungen, die der traditionelle Meijin in der Edo-Zeit (1600-1868) dem Shôgun überreicht hatte, veröffentlichte er selbst auch ein Tsume, als er am 11. Februar 1938 zum Meijin geweiht wurde. Im gleichen Jahr wurde er auch der Vorsitzende des Shôgi Taiseikai.

Kimura selbst war sehr Stolz auf seine Leistung. Von anderen wurde ehrfurchtsvoll auch Jôshôshôgun 常勝将軍 „immer siegreicher General“ genannt. Sein Motto lautete „überwinde alle Hindernisse für ein siegreiches Shôgi “ 「勝ち将棋を勝て」.

1940 konnte er seinen Meijintitel gegen Doi Ichitarô mit vier Siegen zu einer Niederlage verteidigen. Und zwei Jahre später gegen Kanda Tatsunosuke mit vier Siegen in Folge. Im vierten Meijinturnier 1943 bis 1944 besiegte er alle 8-Dan Spieler in einer Reihe von Vorrundenkämpfen und konnte so seinen Titel erneut verteidigen.

Kimura war stets sehr besorgt über die Spaltungen der Shôgiwelt gewesen und begann kurz nach dem Krieg die Shôgiwelt zu reformieren. Als eine wichtige Ursache sah er die traditionell starke Bindung zwischen Lehrer und Schüler an, die der Bindung zwischen Eltern und Kind ähnelte 師弟関係 / 親子関係 und auf dem neo-konfuzianischen Denken der Edo-Zeit beruhte. Um dem entgegen zu wirken, gründete er die Shinshinkishishôreikai 新進棋士奨励会, in der noch heute Nachwuchsspieler als potentielle Profispieler ausgebildet werden. Im November 1945 schlug er weiterhin der Generalversammlung der Shôgispieler des Shôgi Taiseikai vor, die Dan-Ränge abzuschaffen und moderne Ranglistenturnier einzuführen. Obwohl beides zunächst angenommen wurde, wurde die Abschaffung der Dan-Ränge schnell wieder zurückgenommen und nur die Rangslistenturniere eingeführt. Damit wurde das noch heute benutzte System von Ligen und Dan-Rängen begründet.

Nach dem Krieg studierten die aufstrebenden Profispieler den fast attack reclining silver 急戦腰掛け銀定跡 um Kimura vom Thron zu stoßen. Und tatsächlich verlor Kimura 1947 seinen Meijintitel an Tsukada Masao 塚田正夫 (1914-1977). Kimura entwickelte daraufhin das nach ihm benannte Kimura-Jôseki.

Kimuras Jôseki in der Idealform. Eine kommentierte Version mit Branch-Moves findet sich auf Yet Another Shôgi Site. Das Jôseki hat auch einen englischen Wikipediaeintrag. Außerdem bespricht Tony Hosking es in seinem Buch „The Art von Shogi“ unter „Bishop Exchange Section 1. Reclining Silvers – Kimura’s Joseki“, S. 126-129.

Tsukada Masao 塚田正夫 (1914-1977), 1952

Da der junge Tsukada, der 1947 den Meijintitel von Kimura erspielte, den repräsentativen Anforderungen noch nicht zur Gänze gewachsen war, erhielt Kimura den Titel des Zenmeijin 前名人 (Ex-Meijin), und konnte so seine sozialen Aktivitäten in der Shôgiwelt fortsetzen. Jedoch war diese Zeit für Kimura, der durch diese Situation mit Geldproblemen zu kämpfen hatte, ziemlich schwierig. Im selben Jahr wurde der Shôgi Taiseikai in Nihon Shôgi Renmei 日本将棋連盟 umbenannt und Kimura blieb dessen Präsident.

Während er 1948 keine gute Leistung im Meijin-Turnier zeigte, gewann er 1949 die Spiele der A-Klasse-Liga und stand Tsukada als Herausforderer um den 8. Meijintitel gegenüber. Mit drei Siegen zu zwei Niederlagen konnte er seinen Meijintitel zurückerlangen und seine Spielstärke unter Beweis stellen. 1950 verteidigte er diesen Titel gegen Ôyama Yasuharu 大山康晴 (1923-1992) und 1951 gegen Masuda Kôzô 升田幸三 (1918-1991). Noch Ende desselben Jahres verlor er gegen Masuda mit vier Niederlagen zu einem Sieg das erste Ôsho-Turnier.

Masuda Kôzô 升田幸三 (1918-1991), 1952

Ein Jahr später musste er seinen Meijintitel erneut gegen Ôyama verteidigen. Diesmal ging Kimura alle Brillianz auf dem Brett ab und er konnte bei vier Niederlagen lediglich einen Sieg erringen. Ôyama soll sich am Ende des Titelkampfes tief vor Kimura verbeugt haben.

Ôyama Yasuharu 大山康晴 (1923-1992), 15. Meijin auf Lebenszeit nachdem er seinen ersten Meijintitel 1952 gegen Kimura Yoshio gewann.

Kifu der Partie Ôyama Yasuharu gegen Kimura Yoshio am 14. und 15. Juli 1952. In der 将棋DB2 gibt es eine ganze Reihe von Kifu von Kimura Yoshio.

Das Brett nachdem Ôyama Kimura am 15. Juli 1952 besiegte.

Etwa einen Monat später, am 14. August, verkündete er im Alter von 47 Jahren bei einem Turnier in Tôkyô, auf dem eine Gedenkfeier für verstorbene Shôgispieler abgehalten wurde, seinen Rücktritt. Auch nach seinem Rücktritt nahm er an weiteren Turnieren teil und spielte auch weitere Partien gegen Ôyama und Tsukada.

Nach seinem Rücktritt zog er in die Stadt Chigasaki in der Präfektur Kanagawa. Als erster Shôgispieler erhielt er vom japanischen Staat den Verdienstorden am purpurnen Band 紫綬褒章 und Order of the Rising Sun, Gold Rays with Neck Ribbon 勲三等旭日中綬章.

Kimura Yoshio war nicht nur der stärkste Spieler seiner Zeit, durch sein großes Engagement und sein Charisma hat er die moderne Shôgiwelt nachhaltig geprägt. Ohne ihn würde es den Nihon Shôgi Renmei und die heutige Organisation der Shôgiwelt so nicht geben. Denn er führte die Shôreikai und das Ligasystem ein. Kimura verstarb am 17. November 1986, jenem Tag im Jahr an dem traditionell die Edo-Castle-Spiele vor dem Shôgun gespielt wurden und der noch heute der Tag des Shôgi, der Shôgi-no-hi 将棋の日 ist.

Kimura Yoshio 木村義雄 1949 direkt nachdem er seinen Meijintitel von Tsukada Masao 塚田正夫 zurückeroberte.